Björn Reinhardt


Der Weg ist das Ziel

Roman

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Inhalt:

Zweifelhafte Junggesellen schenken ihrem 43-jährigen Kieler Freund Peter Heine eine Reise in die Westukraine. Dort soll er im Namen aller eine “Frau fürs Leben” finden.
Nach anfänglichen Irritationen im touristischen Lemberg verschlägt ihn seine Reise in die mystische Bergwelt Huzuliens. Doch das ihm angepriesene “letzte Volk der freien Liebe” erweist sich als unauffindbar. Schnell wächst in ihm eine neue Leidenschaft, die ihn in einen Strudel
unglaublicher Ereignisse zieht. Auslöser seiner Wandlung sind Aussagen des deutschen Jugendlichen Ben. Der war gerade aus einem Umerziehungscamp geflohen und hatte sich in den Bergen verlaufen. Seinen Worten nach würde der Sozialpädagoge Peter Wolf mit brutalen Erziehungsmethoden eine an ehemalige Sträflingslager erinnernde “Kolonie” führen. Alarmiert begibt sich Peter Heine auf die schwierige Suche nach der Wahrheit.
Möglicherweise schon dem Wahnsinn nah, wähnt sich Peter Wolf unmittelbar vor der Entdeckung des “Tempels der ewigen Jugend”. Als sein auf Bestechung und Machtmissbrauch beruhendes System außer Kontrolle gerät, eskaliert die Situation. Die in der “Kolonie” gerade recherchierende Fotojournalistin Katharina schlägt sich auf Peter Heines Seite und forciert geschickt die Auseinandersetzungen. Am Tag der huzulischen Sommersonnenwende geschieht das eigentliche Wunder, mit dem schon niemand mehr gerechnet hatte. Am wenigsten die misshandelten Jugendlichen selbst.

Leseprobe

Kaum hatten es sich alle im Schatten bequem gemacht, erschienen auch schon die ersten, durchtrainierten Bergtouristen am Waldrand. Peter genoss es, jeden einzeln durch das Fernglas zu beobachten. Das erste, was er noch vor den eigentlichen Wanderern hörte, waren ihre Nordic-Walking-Stöcke. Das sie stets begleitende, metallische Klappern konnte er bis auf die Terrasse hören. Manche der Spitzenreiter fürchteten allem Anschein nach, bei dem forcierten Tempo zu dehydrieren, weshalb sie Trinksysteme mit flexiblen Trinkschläuchen benutzten. Diese Trinkblasen wiegen wenig und haben ein großes Fassungsvolumen, was ihren Benutzern nicht zu übersehende Vorteile am Berg verschafft. Nach einer kurzen Pause, die sie konzentriert dazu nutzten, Fotos vom Berg zu schießen, schritten sie zügig und wie auf ein Kommando zielstrebig weiter. In wenigen Minuten würden sie bereits die Bergspitze erreichen. Als Nächstes tauchten ältere Bergsteiger auf. Kontinuierlich Schritt vor Schritt setzend, steuerten sie karavanengleich den „Weißen Elefanten“ an. Dabei schauten sie kein einziges Mal aufwärts oder unterbrachen ihre an einen Todesmarsch erinnernde Wanderung. Dann kamen auch schon die Kletter-Hippies. Die hüftlange Zöpfe tragenden Mädchen mussten in den letzten Stunden mehr schlecht als recht Blumen und Kräuter gepflückt haben. Denn neben der verspielten Suche nach sich selbst, fanden sie noch ausreichend Zeit, sich so kurz vor dem Gipfel der kümmerlichen Pflanzenwelt zu widmen. Ihre langhaarigen Männer hielten derweil Ausschau nach reifen Beeren und Pilzen. Selbst Mitten im Sommer trugen sie dicke Wollpullover, über den sie noch Opas alten Bergrucksack schulterten. Bestens ausgerüstet und auf alles vorbereitet, kam jetzt der Gear-Freak aus dem Wald. Diese Kletter-Spezies verfügt über das neueste und technisch ausgereifteste, aber leider unnötige Equipment, das es immer griffbereit und in mehrfacher Ausführung mit sich führt. Echte Alpinisten konnte Peter durch seinen Fernstecher nicht ausmachen, wenn auch einige mit riesiger UV-Schutzbrille so auszusehen versuchten. Für diese Alleingänger stellte der Berg wohl eine zu geringe alpinistische Herausforderung dar. Wozu sollten sie auch ihre wettergegerbten Gesichter und Reinhold-Messner-Bärte auf diesen 2000er schleppen? Doch hätten sie in ihren zerfledderten Abenteuerbüchern von der Heiligkeit dieses Berges erfahren, würden sie hier oben schon längst ihr eigenes Süppchen kochen. Zum Reden gebracht, bräche eine Welt voller Wunder und abenteuerlicher Geschichten aus ihnen hervor. Und käme gerade „zufälliger Weise“ Werner Herzog an ihrem Feuer vorbei, würden sie wie selbstverständlich und aus dem Hut heraus beeindruckende, bildliche Vergleiche zwischen dem Leben und dem Besteigen von Bergen hervorzaubern.
Katharina, die sich in Peters Nähe in Stellung gebracht hatte, fragte ihn, welchen Bewusstseinsgewinn er aus seinen Beobachtungen zu ziehen gedenke. Die Menschen seien nun mal so, wie sie sind, und würden auch durchs Fernrohr betrachtet nicht über sich hinauswachsen. Sie selbst zog es vor, die Natur zu betrachten und kommentarlos auf sich wirken zu lassen. Etwas, dass sie neuerdings immer öfter tat.
Dann war es soweit und Peter konnte die Ankunft des weißen Stiers verkünden. Endlich kämen, behauptete er, wahrhaft glaubwürdige und unverfälschte Huzulen, die unbeirrt ihren alten Traditionen und Gebräuchen nachgingen. Katharina drehte sich demonstrativ in die entgegengesetzte Richtung. Auch wenn es ihr persönlich missfiel, war der das arme Opfertier begleitende Tross gewaltig. An die hundert Huzulen, allesamt farbenfroh in selbstgefertigten Trachten gekleidet, achteten peinlichst darauf, hinter dem Stier zu bleiben. In überwiegend dunkelroten Wollsachen und Leinenkutten gehüllt, erinnerten sie an tibetanische Pilger. Es fehlte nur, dass sie sich in der Hoffnung, unter besseren Vorzeichen wiedergeboren zu werden, ebenfalls alle zwei Schritte auf den Boden werfen würden. Langsam und respektvoll näherten sie sich dem „Heiligen Berg“, auf dem bereits alle auf sie warteten. Den Stier schienen jetzt die letzten Kräfte zu verlassen. Möglicherweise bekam er auf den letzten Metern auch nur weiche Knie. Deshalb halfen ihm die stärksten Huzulenburschen, soweit es ihnen möglich war, und schoben den Bullen mit vereinten Kräften seine letzten Meter den Berg hinauf. Alte Frauen sangen noch ältere Lieder und hakten sich währenddessen gegenseitig unter. Mit der Ankunft des Stiers trat auf dem Berg andächtige Stille ein. Das touristische Volk hatte sich in der Zwischenzeit ein wenig umgesehen, und kaute bereits an ihren selbst gemachten Müsliriegeln. Wie immer fielen einige übereifrige und taktlose Hobbyfotografen aus dem Rahmen. Aber weil die Huzulen in einem eigenen Lager Rast gefunden und auch den Stier verschnaufen ließen, gab es für die auf Aktionismus setzenden Bilderknipser vorerst keine Motive.
Leseprobe



Diesmal bog ich auf der Hauptstraße links ab, da ich die rechte Dorfhälfte bereits kannte. Weil sich die Dorfmitte ohnehin nur geografisch berechnen lies, spazierte ich ziemlich entspannt vor mich hin. Möglich, dass ich es mir nur einbildete, aber mir schien, als würden mir die wenigen Einwohner, derer ich ansichtig wurde, bewusst aus dem Weg gehen. Es wollte einfach zu keiner Begegnung kommen. Selbst Kinder, die einem weltweit und in großer Schar hinterher rannten, blieben in Zelene wie vom Erdboden verschluckt. Dabei waren in der gesamten Ukraine Schulferien. Also verlagerte ich mein Interesse auf das Ausfindigmachen eines Geschäfts. In einem Dorfladen, so hoffte ich, würde ich Einkaufswilligen begegnen oder wenigstens selbst etwas einkaufen können. Ich machte auch bald einen Laden ausfindig, musste aber schon von Weitem erkennen, dass er geschlossen hatte. In Ermangelung anderer lohnenswerter Ziele trat ich auf das verschmutzte Schaufenster zu, an dem diverse öffentliche Bekanntmachungen und fotokopierte Blätter aktueller Getreidepreise flatterten. Ich überflog auch ein paar mich nachdenklich stimmende Todesanzeigen. Doch als ich eine unbeklebte Stelle suchte, um mit vorgehaltenen Händen einen neugierigen Blick ins Geschäftsinnere zu werfen, schreckte ich zurück. Vor mir klebte ein mittelgroßes Plakat mit einer Schwarz-Weiß-Fotografie, von der mich Ben angrinste. Über dem Foto stand ein in kyrillischen Großbuchstaben geschriebener Text. Es dauerte etwas, bevor ich begriff, dass hier der deutsche Jugendliche Ben als vogelfrei erklärt und steckbrieflich gesucht wurde. Sofort fühlte ich mich in eine Westernstadt versetzt, in der an jedem Telegrafenmast „Wanted“ Plakate zur Ergreifung eines entflohenen Mörders aufriefen. Sicherheitshalber überflog ich das gruselige Poster dahingehend, ob zur Ergreifung des Jungen auch ein Kopfgeld ausgesetzt war. Eine Adresse, bei der man ihn abgeben oder anzeigen konnte, war gut leserlich notiert. Interessanterweise war ich der Erste, der sich ein Adressenblättchen abriss. Doch dann überlegte ich es mir anders. Ich riss kurzerhand das gesamte Poster vom Schaufenster und machte mich aus dem Staub.
Nach einer halben Stunde ereignislosen Laufens wollte ich schon gelangweilt umkehren, als aus einer Seitenstrasse eine Sträflingskolonne auf die Hauptstrasse einbog. Fassungslos blieb ich wie angewurzelt stehen. Fanden gerade Filmaufnahmen für einen historischen Film statt, bei denen ich versehentlich ins Bild gelaufen war? Aber wo stand die Filmkamera und lauerte die Filmcrew, die mich gleich zusammenstauchen würde? War das Dorf nur deshalb menschenleer, weil man es für diese Aufnahmen weiträumig abgesperrt hatte?
Die zehn Sträflinge in schwarzer Arbeitskleidung und mit geschultertem Spaten marschierten derweil unbeirrt weiter. Jetzt erst sah ich, dass sie von zwei Wachen begleitet wurden. So unauffällig wie möglich verließ ich die Straße und versteckte mich im Schatten einer Linde. Anscheinend war ich bisher von keinem Regieassistenten entdeckt worden. Etwa 30 Meter bevor sie an mir vorbeimarschieren würden, hörte ich ein laut gebrülltes Kommando, woraufhin alle Sträflinge ein Lied anstimmten. Ich glaubte meinen Ohren nicht zu trauen, als das deutsche Volkslied „Hänschen klein“ erklang. Ich schaffte es einfach nicht, die zwei unterschiedlichen Dinge in meinem Kopf zusammenzubringen. Hier prallte ein Kinderlied, in dem ein erzieherischer Text Abschiednehmen, Trennungsschmerz und Wiederfinden erfahrbar machte, auf militärischen Drill, Bestrafung und Ausbeutung. Noch wütender wurde ich, als ich Alice unter den Sträflingen ausmachte, die mir auch noch komplizenhaft zuzwinkerte. Genau wie Paulus aus Tarsus fiel es auch mir wie Schuppen von den Augen. Nicht in Drehaufnahmen für einen Kriegsfilm war ich geraten, sondern zufällig Zeuge einer sozialpädagogischen Maßnahme geworden. Die Sträflinge sollten keine verschleppten Kriegsgefangenen spielen, sondern waren echte jugendliche Straftäter, die in einem Umerziehungsheim inmitten Huzuliens interniert waren. Ältere Huzulen würden sich jetzt mit Sicherheit an deutsche Sonderkommandos erinnert fühlen, die Juden aus ihren Dörfern deportiert hatten. Meistens hatten sie sich nicht einmal diese Mühe gemacht, und sie gleich an Ort und Stelle erschossen.
Wer zum Teufel war auf diese, gelinde ausgedrückt, unsensible Aktion gekommen, die hier in aller Öffentlichkeit exerziert wurde? Selbst wenn es spaßig gemeint war, würde doch niemand ernsthaft darüber lachen können. Allein die Wahl des Liedes, bei der eben nicht wie im Originaltext, ein junger Mann in die Welt zieht, um sein Glück zu suchen, sondern unmittelbar nach seinem Aufbruch bereits umkehrt und den Selbstfindungsprozess abbricht, führte diese Aktion geradezu ad absurdum.
Nachdem die Jugendlichen an mir vorbeimarschiert waren, entdeckte ich in deren Windschatten eine Fotografin, die einen professionellen Eindruck auf mich machte. Sie war sozusagen „on location“ und für dieses Fotoshooting gleich mit mehreren Kameras ausgestattet. Eine hielt sie abschussbereit in der Hand. Mit ihrer in Tarnfarben gehaltenen Montur und dem sportlichen Fotorucksack wirkte sie auf mich wie eine Kriegsfotografin. Obwohl das Motiv mehr als fragwürdig war, schien sie einen guten Job zu machen. Frei nach dem Motto: Erst fotografieren und dann nach dem Sinn oder Unsinn fragen, dokumentierte sie die Marschkolonne aus unterschiedlichen Blickwinkeln und Distanzen. Wie allgemein üblich, schoss auch sie unzählige Aufnahmen. Nach meiner Erfahrung werden Lieder intonierende Marschkolonnen immer von neugierigen Passanten begleitet, die witzige Bemerkungen machen oder vor ihren Gartenzäunen stehen und den Vorbeiziehenden zuwinken. Doch als wäre allen der Aufenthalt im Freien untersagt, blieb die Dorfstraße der Huzulei menschenleer. Für mich kamen nur zwei Möglichkeiten in Frage: Entweder musste diese Kolonne hier täglich vorbeimarschieren, oder die Einheimischen waren abgestumpfte und gefühlslose Wesen. So hart es auch klingen mag, aber ich hoffte fast auf Ersteres.

...

Ein Dorfladen ist immer auch ein sozialer Treffpunkt der Dorfbevölkerung. Doch dieser war, abgesehen von uns und der Verkäuferin, menschenleer. Den trostlosen Eindruck verstärkten noch ein halbes Dutzend Trauerkränze, die anstelle geräucherter Würste an diversen Fleischerhaken hingen. Die Anordnung der Schnapsflaschen und Gemüsedosen lud förmlich dazu ein, sie wie auf einem Jahrmarkt mit einem kleinen Lederball vom Regal zu schießen. Der eine Schritt in den Lebensmittelladen hatte uns ins Zeitalter zaghafter Anfänge des Konsums zurückgeworfen. Hier wurde noch angeschrieben und gab es Rabattmarken-Hefte, wurden Warenproben gewährt und Reservierungen entgegengenommen. Gleich neben dem Abakus stand für Kinder ein Bonbonglas bereit, und Zigaretten konnten einzeln gekauft werden. Ich bemerkte, dass Katharinas Hand wie bei einem konditionierten Reflex nach dem Fotoapparat griff. Die Verkäuferin war ein junges Ding, die sich nicht um ihr „Recht am eigenen Bild“ scherte. Von ihr brauchte man keine Einwilligungserklärung einzuholen. Fasziniert beobachtete ich Katharina, wie sie in diesem Lebensmittelladen fotografierte. Drei, vier Fotos genügten ihr, das Wesentliche einzufangen. Obwohl ich nichts vom Fotografieren verstand, bemerkte ich den Unterschied zu gewöhnlichen, oft wie schussfreudige Paparazzi vorgehende Pressefotografen. Sie machte eine Aufnahme der Verkäuferin, die gerade auf einem wackligen Hocker stand, um etwas aus dem oberen Regalfach zu entnehmen. Ohne Katharina wäre mir dieser schöne Moment entgangen.
Ich begann mich gerade zu fragen, was ich hier eigentlich kaufen würde, als vor dem Geschäft ein ziemlicher Lärm entstand. Katharina schoss bereits Fotos durch das Schaufenster nach draußen, wo sich ein paar Jugendliche hin- und herschubsten. Lässig und mit qualmenden Kippen zwischen den Lippen, kamen sie ins Geschäft, wo sie wie ertappt vor uns stehenblieben.
„Na, damit habt ihr jetzt nicht gerechnet.“, rutschte es mir über die Lippen.
„Sind Sie Deutsche?“, fragte mich der kräftigere, anscheinend ihr Wortführer.
„Klar, oder sehen wir vielleicht wie Chinesen aus?“
„Weiß ich nicht. Wollen Sie hier was kaufen?“, interessierte er sich, während seine Kumpels: „Komm, wir hauen ab.“ von hinten riefen.
„Haltet die Fresse. Ich hab noch was zu reden.“
Sie schienen Respekt vor ihm zu besitzen und verteilten sich wie eine Gang im Geschäft. Die Verkäuferin spitzte die Ohren und ließ keinen aus den Augen. Jetzt bewährte sich wieder das traditionelle Verkaufsprinzip, bei dem die wichtigsten Waren hinter einem Verkaufstresen vor dem Interesse der Käufer geschützt wurden.
„Sind Sie vom Jugendamt?“
„Nein, wir sind nicht vom Jugendamt. Ich bin vom Arbeitsamt.“, und das war nicht gelogen. Katharina schaute mich trotzdem ungläubig an.
„Dann sagen Sie ihrem Kollegen, dass wir die Schnauze voll haben. Wenn uns nicht bald einer abholt, schlagen wir hier alles kurz und klein.“
Seine Kumpels stimmten ihm lautstark zu. Ein kleiner Knirps trat zur Bekräftigung gegen einen staubigen Sack, aus dem gleich ein paar Kartoffeln rollten. Verunsichert griff die Verkäuferin zum Handy, wählte aber vorerst noch keine Nummer.
„Wie gesagt, ich arbeite beim Arbeitsamt. Was ist euer Problem?“
„Unser Problem? Willst du wissen, was gleich dein Scheißproblem ist?“ Er stand nur einen Meter vor mir. Demonstrativ stieß er mir seinen widerlichen Zigarettenqualm ins Gesicht. Bloß nicht provozieren lassen und abwarten, kam mir in den siebten Sinn. Das „Du“ ließ ich mal als Kompliment durchgehen.
„Du wirst dem Arsch bald neue Arbeit besorgen müssen! Und weißt du wo?“
„Ich denke, du wirst es mir bestimmt gleich sagen.“
„Als Pfleger im Tierheim.“
„Kein Problem. Wie heißt der Arsch?“, zitierte ich ihn und borgte mir bei der Verkäuferin Kugelschreiber und Notizblock.
„Wie das Arschloch heißt?“, fragte er in die Runde. Alle brüllten durch
einander, dass nichts mehr zu verstehen war. „Wie das Arschloch heißt?“
„Bitte leise und deutlich, ich verstehe kein Wort.“
„Kennst du das Märchen „Peter ist der Wolf“?“
„Klar, das kennt doch jedes Kind. Es heißt aber „Peter und der Wolf“.
Aber ich weiß schon, was du meinst.“
Ich staunte eher darüber, dass er das Musikmärchen von Prokofjew kannte.
„Peter kenn ich, aber wer ist der Wolf?“
„Habt ihr gehört?“, fragte er wieder in die Richtung seiner Kumpels, die wie Schafe zurückblökten. „Er will wissen, wer hier der Wolf ist!“
Er kam mir jetzt so nah, dass ich seine gelblichen Zähne, oder vielmehr das, was von ihnen in seinem Mund übriggeblieben war, durchnummerieren konnte.
„Und jetzt pass mal gut auf.“, hauchte er mir ins Gesicht. „Der böse Wolf ist Herr Peter.“ Mir lief ein kalter Schauer den Rücken runter. „Und das Märchen, das hier gespielt wird, heißt: „Peter ist der Wolf“. Kannst du dir das merken?“
Ich hatte verstanden. Noch bevor ich reagieren konnte, war er mit seiner Gang auch schon abgezischt. Kalter Zigarettenrauch schwebte wie der Nebel einer ausgegrabenen Friedenspfeife im Laden.

...

Kaum hatten es sich alle im Schatten bequem gemacht, erschienen auch schon die ersten, durchtrainierten Bergtouristen am Waldrand. Peter genoss es, jeden einzeln durch das Fernglas zu beobachten. Das erste, was er noch vor den eigentlichen Wanderern hörte, waren ihre Nordic-Walking-Stöcke. Das sie stets begleitende, metallische Klappern konnte er bis auf die Terrasse hören. Manche der Spitzenreiter fürchteten allem Anschein nach, bei dem forcierten Tempo zu dehydrieren, weshalb sie Trinksysteme mit flexiblen Trinkschläuchen benutzten. Diese Trinkblasen wiegen wenig und haben ein großes Fassungsvolumen, was ihren Benutzern nicht zu übersehende Vorteile am Berg verschafft. Nach einer kurzen Pause, die sie konzentriert dazu nutzten, Fotos vom Berg zu schießen, schritten sie zügig und wie auf ein Kommando zielstrebig weiter. In wenigen Minuten würden sie bereits die Bergspitze erreichen. Als Nächstes tauchten ältere Bergsteiger auf. Kontinuierlich Schritt vor Schritt setzend, steuerten sie karavanengleich den „Weißen Elefanten“ an. Dabei schauten sie kein einziges Mal aufwärts oder unterbrachen ihre an einen Todesmarsch erinnernde Wanderung. Dann kamen auch schon die Kletter-Hippies. Die hüftlange Zöpfe tragenden Mädchen mussten in den letzten Stunden mehr schlecht als recht Blumen und Kräuter gepflückt haben. Denn neben der verspielten Suche nach sich selbst, fanden sie noch ausreichend Zeit, sich so kurz vor dem Gipfel der kümmerlichen Pflanzenwelt zu widmen. Ihre langhaarigen Männer hielten derweil Ausschau nach reifen Beeren und Pilzen. Selbst mitten im Sommer trugen sie dicke Wollpullover, über den sie noch Opas alten Bergrucksack schulterten. Bestens ausgerüstet und auf alles vorbereitet, kam jetzt der Gear-Freak aus dem Wald. Diese Kletter-Spezies verfügt über das neueste und technisch ausgereifteste, aber leider unnötige Equipment, das es immer griffbereit und in mehrfacher Ausführung mit sich führt. Echte Alpinisten konnte Peter durch seinen Fernstecher nicht ausmachen, wenn auch einige mit riesiger UV-Schutzbrille so auszusehen versuchten. Für diese Alleingänger stellte der Berg wohl eine zu geringe alpinistische Herausforderung dar. Wozu sollten sie auch ihre wettergegerbten Gesichter und Reinhold-Messner-Bärte auf diesen 2000er schleppen? Doch hätten sie in ihren zerfledderten Abenteuerbüchern von der Heiligkeit dieses Berges erfahren, würden sie hier oben schon längst ihr eigenes Süppchen kochen. Zum Reden gebracht, bräche eine Welt voller Wunder und abenteuerlicher Geschichten aus ihnen hervor. Und käme gerade „zufälligerweise“ Werner Herzog an ihrem Feuer vorbei, würden sie wie selbstverständlich und aus dem Hut heraus beeindruckende, bildliche Vergleiche zwischen dem Leben und dem Besteigen von Bergen hervorzaubern.
Katharina, die sich in Peters Nähe in Stellung gebracht hatte, fragte ihn, welchen Bewusstseinsgewinn er aus seinen Beobachtungen zu ziehen gedenke. Die Menschen seien nun mal so, wie sie sind, und würden auch durchs Fernrohr betrachtet nicht über sich hinauswachsen. Sie selbst zog es vor, die Natur zu betrachten und kommentarlos auf sich wirken zu lassen. Etwas, das sie neuerdings immer öfter tat.
Dann war es soweit und Peter konnte die Ankunft des weißen Stiers verkünden. Endlich kämen, behauptete er, wahrhaft glaubwürdige und unverfälschte Huzulen, die unbeirrt ihren alten Traditionen und Gebräuchen nachgingen. Katharina drehte sich demonstrativ in die entgegengesetzte Richtung. Auch wenn es ihr persönlich missfiel, war der das arme Opfertier begleitende Tross gewaltig. An die hundert Huzulen, allesamt farbenfroh in selbstgefertigten Trachten gekleidet, achteten peinlichst darauf, hinter dem Stier zu bleiben. In überwiegend dunkelroten Wollsachen und Leinenkutten gehüllt, erinnerten sie an tibetanische Pilger. Es fehlte nur, dass sie sich in der Hoffnung, unter besseren Vorzeichen wiedergeboren zu werden, ebenfalls alle zwei Schritte auf den Boden werfen würden. Langsam und respektvoll näherten sie sich dem „Heiligen Berg“, auf dem bereits alle auf sie warteten. Den Stier schienen jetzt die letzten Kräfte zu verlassen. Möglicherweise bekam er auf den letzten Metern auch nur weiche Knie. Deshalb halfen ihm die stärksten Huzulenburschen, soweit es ihnen möglich war, und schoben den Bullen mit vereinten Kräften seine letzten Meter den Berg hinauf. Alte Frauen sangen noch ältere Lieder und hakten sich währenddessen gegenseitig unter. Mit der Ankunft des Stiers trat auf dem Berg andächtige Stille ein. Das touristische Volk hatte sich in der Zwischenzeit ein wenig umgesehen, und kaute bereits an ihren selbst gemachten Müsliriegeln. Wie immer fielen einige übereifrige und taktlose Hobbyfotografen aus dem Rahmen. Aber weil die Huzulen in einem eigenen Lager Rast gefunden und auch den Stier verschnaufen ließen, gab es für die auf Aktionismus setzenden Bilderknipser vorerst keine Motive.
Jetzt war der Augenblick gekommen, den Herr Peter taktvoll abgewartet, nun aber für seine Zeremonie zu nutzen verstand. Sechs von sieben der weiß gekleideten Jugendlichen bestiegen nacheinander das Podest. Als würden Stricke über ihnen baumeln, blickten die sonst eher vorlauten und zappeligen Jungs erwartungsvoll nach unten. Im auffrischenden Wind sprach Herr Peter akustisch schwer zu verstehende Worte zu ihnen. Davon unbeeindruckt vollendete er seine Ansprache und schritt nun die Reihe der Jugendlichen ab. Vor jedem der sich demütig niederknienden Jungen blieb er kurz stehen, legte ihnen ein mittelalterliches Schwert auf den Kopf und sprach eine Art Gebet. Katharina ließ sich diese Szene nicht entgehen und schoss eine Reihe von Fotos. Der Moment des Schwertauflegens geriet ihr fotografisch besonders gut, weil es dabei zu einer interessanten Lichtreflexion auf den Schwertern kam. Beim fünften Ritterschlag rutschte dann auch noch der im Hintergrund friedlich grasende, weiße Stier mit ins Bild. Peter freute sich im Stillen auf dieses vielversprechende Foto, das er ihr von ganzem Herzen wünschte. Daran, dass diese Aufnahme schon bald Fragen aufwerfen würde, deren Antworten umso befremdlicher klangen, bestand kein Zweifel mehr. Einige der zuschauenden Touristen glaubten ernsthaft, sich inmitten einer offiziellen Zeremonie zur Stärkung des ukrainischen Nationalbewusstseins zu befinden.
Nur ein Junge, und zwar Tim, kauerte abseits und von Selbstmordgedanken getragen am Rande der kleinen Bühne. Wie nicht anders zu erwarten, hatte er seine Reinigungszeremonie verpatzt. Kreischend war er zuerst ins, und dann auch noch aus dem eiskalten Quellwasser gesprungen und von Herrn Peter umgehend „disqualifiziert“ worden. Alle Kids hatten ihn ausgelacht und auf seinen im Eiswasser unsichtbar gewordenen Kinderpimmel gezeigt. Das anschließend kurzatmige Gespräch mit Herrn Peter konnte ihm auch nicht weiter aus der Sackgasse helfen, denn nun waren ja alle Ritter und er, wie Herr Peter sich ausdrückte, nur ein Knappe. Also jemand, der bei den Rittern Hilfsdienste zu verrichten hatte. Und was das in den kommenden Wochen und Monaten für ihn bedeuten würde, kannte er nur zu gut. Lieber wollte er sterben, als der halben Kolonie die Hintern zu wischen.

Rezensionen

Jetzt habe ich endlich dein überaus spannendes Buch schon zweimal, zum Teil dreimal gelesen und bin ganz fasziniert von der Fülle an Geschichten und Informationen. Immer wieder habe ich neue Details gefunden. So viel Aktion, und zugleich so viel Hintergrundwissen. Spannend der Aufbau, in dem sich zunächst Anreise und Infos über die Kultur der Huzulen abwechseln, bis dies abgelöst wird vom Eintauchen in die Welt der Huzulen, wo es immer wieder überraschende Zufälle und nicht Zufälle und neue Personen und Geschichten gibt. Dann kommt langsam die Kolonie ins Spiel, zunächst in Andeutungen und Berichten weniger Personen, bis es immer dichter wird. Schlag auf Schlag erklären sich die Zusammenhänge und die Aktionen. Dabei wird fast unmerklich die Frau fürs Leben eingeführt, das Karussell der Mitspieler dreht sich immer schneller die unwahrscheinlichsten, und dennoch irgendwie immer logischen Geschichten passieren, bis sich alles wieder auflöst. im Epilog taucht dann sogar noch Corona auf! Man kann sich dem Sog dieses Buches schlecht entziehen und die Menschen, ihre Beziehungen und oft malerischen und skurrilen Geschichten bleiben im Kopf lebendig. Danke für das Kopfkino!

Beate N.-R.

Eine höchst interessante Story ! (Wieviel daran ist sogar wahr? Man könnte sich das auch gut vorstellen). Ich bin echt erstaunt, mit wieviel sprachlichem Geschick du die Geschichte mit allerhand interessanten Details anreicherst, mir fielen immer wieder die sehr präzisen, aber auch herrlich wortreich umschreibenden Erläuterungen von Situationen aber auch Gegenständen auf. Den Pop Iwan und das Observatorium gibt es ja echt, interessant. Ich denke, dass die Beschreibungen der Menschen und der Gegend bei den Huzulen auf deine ganz eigenen Erfahrungen zurückzuführen sind, ich kann mir nun auch deshalb gut vorstellen, wie ich z.B. als Begleiter (ohne in das Geschehen einzugreifen) die Welt dort gesehen hätte.

Engelbert H.

Dieser an wahre Begebenheiten angelehnte Roman ist kein Kriminalroman, keine Liebesgeschichte, kein Sachbuch - hat aber von allem etwas, dass diesen Roman elegant, feinfühlig, informativ, spannend  macht und ihn inhaltlich als eine harmonische Einheit ins Ziel bringt. Ich habe mich unglaublich wohl gefühlt nach dem letzten Kapitel. Das ist, glaube ich, auch der Grund, der mich nicht zur Ruhe kommen ließ. Solch ein  Gefühl, nach der letzten gelesenen Seite zu haben, war mir neu. Die Geschichte um Peter Wolf, und seine Kolonie rückte am Ende wieder vorsichtig in den Hintergrund und der große Rahmen der Handlung, bei der es um die Wandlung eines konsumierenden Kieler Junggesellen durch Begegnugen mit dem einfachen, fast naturbelassenen Leben hilfsbereiter Menschen in den ukrainischen Karpaten ging, wird wieder deutlich. Anfangs dachte ich mir, dass  die Veränderungen in den Lebenseinstellungen und im Weltverständnis  Peter Heine's zu früh beginnen, aber es war klug, nicht erst die kriminellen Handlungen Peter Wolf's zum Anlass werden zu lassen, sondern  bereits erste Begegnungen mit der Natur und den Menschen der Karpaten. Auch wenn der Roman nicht in der Maramures angesiedelt ist, habe ich am Ende sofort an diese Worte (aus dem Buch "Maramuresch") denken müssen, und diese Entwicklung, die dort den Besuchern der Maramures prophezeit wird auf Peter Heine projiziert. In meinen Augen sind die kunstvollen Formulierung im Fotogeschichtenbuch mit diesem Roman nochmals erklärt und unterstrichen.
Nicht ganz nebensächlich war ja auch die Suche nach einer schönen Huzulin in den Bergen. Mit der Figur der Katharina wurde eine sehr angenehme Variante mit überraschenden Zufällen gefunden. Dabei lässt der Autor die, wie häufig in Romanen oder Filmen zu erlebende sich klischeehaft entwickelnde Liebesbeziehung nur als gedankliche Fortsetzung des Romans durch den Leser leise spürbar werden.
Eine gedankliche Sternschnuppe, den letzten Satz des Romans berührend, habe ich gerade noch eingefangen.

Andrea N.