Leseprobe

Björn Reinhardt


Der Weg ist das Ziel

Roman

Kaum hatten es sich alle im Schatten bequem gemacht, erschienen auch schon die ersten, durchtrainierten Bergtouristen am Waldrand. Peter genoss es, jeden einzeln durch das Fernglas zu beobachten. Das erste, was er noch vor den eigentlichen Wanderern hörte, waren ihre Nordic-Walking-Stöcke. Das sie stets begleitende, metallische Klappern konnte er bis auf die Terrasse hören. Manche der Spitzenreiter fürchteten allem Anschein nach, bei dem forcierten Tempo zu dehydrieren, weshalb sie Trinksysteme mit flexiblen Trinkschläuchen benutzten. Diese Trinkblasen wiegen wenig und haben ein großes Fassungsvolumen, was ihren Benutzern nicht zu übersehende Vorteile am Berg verschafft. Nach einer kurzen Pause, die sie konzentriert dazu nutzten, Fotos vom Berg zu schießen, schritten sie zügig und wie auf ein Kommando zielstrebig weiter. In wenigen Minuten würden sie bereits die Bergspitze erreichen. Als Nächstes tauchten ältere Bergsteiger auf. Kontinuierlich Schritt vor Schritt setzend, steuerten sie karavanengleich den „Weißen Elefanten“ an. Dabei schauten sie kein einziges Mal aufwärts oder unterbrachen ihre an einen Todesmarsch erinnernde Wanderung. Dann kamen auch schon die Kletter-Hippies. Die hüftlange Zöpfe tragenden Mädchen mussten in den letzten Stunden mehr schlecht als recht Blumen und Kräuter gepflückt haben. Denn neben der verspielten Suche nach sich selbst, fanden sie noch ausreichend Zeit, sich so kurz vor dem Gipfel der kümmerlichen Pflanzenwelt zu widmen. Ihre langhaarigen Männer hielten derweil Ausschau nach reifen Beeren und Pilzen. Selbst Mitten im Sommer trugen sie dicke Wollpullover, über den sie noch Opas alten Bergrucksack schulterten. Bestens ausgerüstet und auf alles vorbereitet, kam jetzt der Gear-Freak aus dem Wald. Diese Kletter-Spezies verfügt über das neueste und technisch ausgereifteste, aber leider unnötige Equipment, das es immer griffbereit und in mehrfacher Ausführung mit sich führt. Echte Alpinisten konnte Peter durch seinen Fernstecher nicht ausmachen, wenn auch einige mit riesiger UV-Schutzbrille so auszusehen versuchten. Für diese Alleingänger stellte der Berg wohl eine zu geringe alpinistische Herausforderung dar. Wozu sollten sie auch ihre wettergegerbten Gesichter und Reinhold-Messner-Bärte auf diesen 2000er schleppen? Doch hätten sie in ihren zerfledderten Abenteuerbüchern von der Heiligkeit dieses Berges erfahren, würden sie hier oben schon längst ihr eigenes Süppchen kochen. Zum Reden gebracht, bräche eine Welt voller Wunder und abenteuerlicher Geschichten aus ihnen hervor. Und käme gerade „zufälliger Weise“ Werner Herzog an ihrem Feuer vorbei, würden sie wie selbstverständlich und aus dem Hut heraus beeindruckende, bildliche Vergleiche zwischen dem Leben und dem Besteigen von Bergen hervorzaubern.
Katharina, die sich in Peters Nähe in Stellung gebracht hatte, fragte ihn, welchen Bewusstseinsgewinn er aus seinen Beobachtungen zu ziehen gedenke. Die Menschen seien nun mal so, wie sie sind, und würden auch durchs Fernrohr betrachtet nicht über sich hinauswachsen. Sie selbst zog es vor, die Natur zu betrachten und kommentarlos auf sich wirken zu lassen. Etwas, dass sie neuerdings immer öfter tat.
Dann war es soweit und Peter konnte die Ankunft des weißen Stiers verkünden. Endlich kämen, behauptete er, wahrhaft glaubwürdige und unverfälschte Huzulen, die unbeirrt ihren alten Traditionen und Gebräuchen nachgingen. Katharina drehte sich demonstrativ in die entgegengesetzte Richtung. Auch wenn es ihr persönlich missfiel, war der das arme Opfertier begleitende Tross gewaltig. An die hundert Huzulen, allesamt farbenfroh in selbstgefertigten Trachten gekleidet, achteten peinlichst darauf, hinter dem Stier zu bleiben. In überwiegend dunkelroten Wollsachen und Leinenkutten gehüllt, erinnerten sie an tibetanische Pilger. Es fehlte nur, dass sie sich in der Hoffnung, unter besseren Vorzeichen wiedergeboren zu werden, ebenfalls alle zwei Schritte auf den Boden werfen würden. Langsam und respektvoll näherten sie sich dem „Heiligen Berg“, auf dem bereits alle auf sie warteten. Den Stier schienen jetzt die letzten Kräfte zu verlassen. Möglicherweise bekam er auf den letzten Metern auch nur weiche Knie. Deshalb halfen ihm die stärksten Huzulenburschen, soweit es ihnen möglich war, und schoben den Bullen mit vereinten Kräften seine letzten Meter den Berg hinauf. Alte Frauen sangen noch ältere Lieder und hakten sich währenddessen gegenseitig unter. Mit der Ankunft des Stiers trat auf dem Berg andächtige Stille ein. Das touristische Volk hatte sich in der Zwischenzeit ein wenig umgesehen, und kaute bereits an ihren selbst gemachten Müsliriegeln. Wie immer fielen einige übereifrige und taktlose Hobbyfotografen aus dem Rahmen. Aber weil die Huzulen in einem eigenen Lager Rast gefunden und auch den Stier verschnaufen ließen, gab es für die auf Aktionismus setzenden Bilderknipser vorerst keine Motive.