In fast jedem Menschen steckt, mehr oder weniger deutlich ausgeprägt, ein Trieb, der gewöhnlich nur Mäusen nachgesagt wird. Wer nicht wirklich existentiell bedroht lebt, wird vielleicht nie seine innersten Leidenschaften entdecken. Lächelnd wird er seine Nase rümpfen, wenn bei anderen Menschen der nahende Winter eine Geschäftigkeit auslöst, die nur darauf gerichtet zu sein scheint, möglichst viele Vorräte in riesigen Speisekammern anzuhäufen. Dabei fällt ihm selbst nicht auf, daß er (beispielsweise) eine aus allen Schränken platzende Espresso-Tassen-Sammlung besitzt.

In der Marmarosch wird überall eingeweckt, geräuchert, destilliert, gekeltert und geschlachtet. Und nicht nur, weil es in den Geschäften überteuerte und qualitativ minderwertige Waren gibt. Die selbstgemachten Vorräte sind eine Gaumenfreude und genau auf den spezifischen, oft sehr einseitig entwickelten Geschmack des stolzen Besitzers abgestimmt. Es kann nicht immer alles auf die schon eh und jeh desolaten Versorgungschwierigkeiten der rumänischen Wirtschaft geschoben werden. Sogar jetzt, wo sich die Geschäfte mit ersten, wirklichen Konsumgütern zu füllen beginnen, und eine, wenn auch kleine Schicht die nötige Kaufkraft besitzt, ist die Vorratswirtschaft immer noch der größte Wirtschaftsfaktor. Die Angst der Menschen, Opfer neuer, unerwarteter Versorgungsengpässe zu werden, sitzt tief und wird immer wieder aufs neue geschürt.

Plötzlich explodiert wieder eine große Propangasfabrik, und es gibt monatelang keine Möglichkeit, die überall gebräuchlichen Gasherde zu betreiben. Dann stehen die Hausfrauen auch sommers, bei 40 Grad Celsius Raumtemperatur vor ihren mit Holz geheizten Kochherden. Oder eine Speiseölkriese läßt die gebeutelte Hausfrau schier verzweifeln.

Es sind nicht viele Dinge, die eine Familie in der Marmarosch einzukaufen hat. Wovon auch würden sich die, jetzt eher provokativ in den Regalen wartenden Produkte bezahlen lassen? Nur Pfeffer, Salz, Öl, Waschmittel und Saisongemüse muß gekauft werden. Alles andere kann und muß selbst hergestellt werden. Das hier natürlich eine Frau vor der Hochzeit auch danach gesucht wird, wie gut und preiswert sie es versteht, eine traditionsgemäß mehrköpfige Familie über den Winter zubringen, ist fast verständlich. Selbst viele der in den Neubauten lebenden, sogenannten Stadtmenschen ohne eigenen Grund und Boden, haben einen kleinen, gleich in der Nähe ihres Neubaublocks gelegenen Schuppen, in dem sich das ganze Jahr über Schweinchen tummeln, und der Stadt selbst im "Zentrum" eine ländliche Duftnote geben.