Es hat den fatalen Anschein, als würden in der Marmarosch die Menschen öfter sterben ... denn überall, vornehmlich in dörflicher Gegend, gerät die Arbeit ins stocken, weil einmal mehr die Gottesacker gepflügt werden müssen.

Einem Toten die letzte Ehre zu erweisen ist höchste Bürgerpflicht. Und so folgen den Särgen große Menschenmengen, ist das gesamte zur Verfügung stehende kirchliche Personal auf den Beinen. Die große und öffentliche Anteilnahme erweckt auf Außenstehende immer den Eindruck, als handle es sich bei dem Verstorbenen um eine bedeutende Persönlichkeit, einem Bürgermeister vielleicht, oder einer lokalen Berühmtheit. Fehlanzeige, denn ein ganz Gewöhnlicher, ja vielleicht sogar jemand, der jahrzehntelang unbeachtet am Dorfrand gelebt hatte, wird "hinübergetragen". Dieser letzte Weg wird immer in dem Bewußtsein gegangen, auch ihn bald einschlagen zu müssen. Und selbst dieser Weg führt nicht automatisch zum Friedhof, denn der Verstorbene kann zu Lebzeiten bestimmen, wo er seine letzte Ruhe zu finden beabsichtigt. Wenn in den Gärten und sogar auf abgelegenen Weiden kleine Kreuze stehen, dann liegt dort nicht ein kleiner Hund oder ein Verkehrsopfer begraben, nein, es ist der Privatfriedhof einer Familie. An bestimmten Tagen des Jahres in Kerzenlicht gehüllt, sitzen dann die Hinterbliebenen mit Gedanken beschäftigt, stundenlang vor dem Kreuz.

Ab und an kommt es zu Fällen, wo besorgte Menschen in bestimmten, rituellen Abständen die Gräber öffnen, um "nachzuschauen". Dann hört man, daß wieder jemand sich in seinem Grab gedreht, oder andere mysteriöse Aktivitäten vollbracht haben soll. Solche Geschichten werden von Maroschern unbedingt geglaubt, und gerne mit angstvollem Ausdruck weitererzählt.

Der Tod stellt weniger Erlösung als vielmehr das blanke Entsetzen vor der Vergänglichkeit menschlichen Tuns dar. Ein ganzes Leben schuften die Menschen ohne Unterlaß, um am Ende kaum die Früchte der eigenen Arbeit genießen zu können. Das kollektive Bewußtsein eines unabänderbaren Ausgeliefertseins läßt die Menschen in der Marmarosch angesichts des Todes in besonderer Weise zusammenrücken.

Vieles wirkt befremdlich, ja geradezu unerhört. So ist es beispielsweise in Strimtura Tradition, daß am Vorabend der Beerdigung jeder Dorfbewohner am aufgestellten Sarg Abschied nehmen muß. Danach bekommen die Trauernden einen Schluck vom Selbstgebrannten und eine kleine Porzellantasse mit auf den Heimweg. Dieses Ritual erweckt oft den Eindruck, dass viele sich nur des scharfen Tropfen willens hier trauernd einfinden.